Heimatsuchen (gebundenes Buch)

ISBN/EAN: 9783990650134
Sprache: Deutsch
Umfang: 440 S.
Format (T/L/B): 3.7 x 21.3 x 13.3 cm
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Mit viel Mühe hat Wundraschek sein Pferd durch den Krieg gebracht, jetzt, im Mai und Juni 1945, sollen seine Entbehrungen belohnt werden. Mithilfe eines klapprigen Wagens und gegen fürstliche Bezahlung führt er die letzten Deutschen, die sich noch in der kleinen südmährischen Stadt aufhalten, bis zur tschechisch-österreichischen Grenze. Darunter befinden sich auch der Arzt Heinrich und seine Frau Valerie, die ihrer Tochter Anni ins Exil folgen. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse - werden sie Anni wiederfinden, werden sie je zurückkehren können? Für die ganze Familie beginnt ein langer Kampf ums Überleben, eine Odyssee durch fremde Dörfer, Städte und Besatzungszonen. Jahrzehnte später sammelt die nun erwachsene Anna Erinnerungen der einst Vertriebenen und schreibt auf, wie es gewesen ist - auch in Gedenken an die vielen Menschen, die ihnen in dieser Zeit beigestanden sind.
Ilse Tielsch, 1929 in Auspitz/Hustopece in Mähren geboren, lebt als Schriftstellerin in Wien. Studium der Zeitungswissenschaft und Germanistik, 1953 Promotion. Mitglied des Österreichischen P.E.N.-Clubs und des OeSV sowie Gründungsmitglied des Literaturkreises Podium. Veröffentlichung von Romanen und Gedichten, u.a. Das letzte Jahr. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Viele Preise und Auszeichnungen, u.a. Anton-Wildgans-Preis, Andreas-Gryphius-Preis, Südmährischer Kulturpreis. Zuletzt erhielt sie den Franz-Theodor-Csokor-Preis für ihr Lebenswerk. www.ilsetielsch.at
Ende November sah Anni, über die Linzer Ziegeleistraße gehend, in der Nähe des Bahnhofs einen provisorisch aufgestellten Zeitungsstand, auf dem die ersten drei Nummern einer Suchzeitung ausgebreitet lagen. Wo bist du? leuchtete ihr in Balkenlettern entgegen. Sie ging wie unter Zwang auf den Zeitungsstand zu, griff nach einer der Zeitungen, schlug sie auf. Aus der Rubrik, die mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens gekennzeichnet war, sprang ihr der eigene Name entgegen, darunter der Name des Vaters und seine Anschrift. Heinrich F., derzeit wohnhaft in Niederösterreich, in dem Dorf W. bei Mistelbach, suchte seine verschollene Tochter. Sie möge sich melden. Sie möge, wenn sie von dieser Anzeige Kenntnis erhalten habe, sofort an die auf dem Titelblatt angegebene Anschrift schreiben und ihre Adresse bekanntgeben. Wie fühlt sich eine Vollwaise, die plötzlich, von einem Augenblick zum anderen, keine Vollwaise mehr ist? Schreit sie, weint sie vor Freude? Tanzt sie vor Glück auf der Straße? Ruft sie es wildfremden Passanten zu, daß ihre Eltern, daß Vater und Mutter am Leben sind, daß sie jetzt weiß, wo sie sich befinden? Daß jetzt ALLES GUT werden wird, daß alle Sorgen ein Ende haben werden? Eine Sechzehnjährige, die nicht mehr allein über ihre Zukunft bestimmen kann, der nun wieder andere sagen werden, was sie zu tun, was sie zu lassen hat? Hier löst sich Anni aus dem Nebel, tritt heraus auf das im April von Bomben zerstörte, nun notdürftig ausgebesserte Steinpflaster einer Straße in der Nähe des Bahnhofs von Linz, steht schweigend, starrt auf die in nüchternen Buchstaben gedruckte Meldung, kein Wort zuviel, kein überflüssiger Buchstabe, ist so weiß im Gesicht, daß die Frau, die ihr die Zeitung verkauft hat, fragt, ob ihr schlecht sei, hinter ihrem Tisch hervorkommt, nach ihrem Arm greift, sie fragt, ob sie sich niedersetzen will. Anni schüttelt den Kopf, sie schreit nicht, sie weint nicht vor Glück, sie tanzt nicht auf der Straße, sie sagt nur, es sei ihr nichts, nein, sie habe nur eben die Anschrift ihrer Eltern in dieser Zeitung gefunden.